Herr, vor dein Antlitz treten zwei

Die Orgelmusik setzte ein und alle Anwesenden erhoben sich. Ich konnte in alle ihre Herzen blicken und sah die eine oder andere  Verfehlung, aber deshalb war ich nicht hier. Heute ging es einzig und alleine um die beiden Menschen, die gerade die Kirche betraten. Ich besah mir die Zeremonie aus Reihe 13. Die Bank knarrte leicht unter meinem Gewicht. Auch war ich kein freundlicher Rauscheengel und besaß nicht die Leichtigkeit, die man bei meinesgleichen vielleicht vermuten würde. Mein Körper war angefüllt mit all den Abscheulichkeiten, die ich tagtäglich in mich hineinsaugen musste.

Wie hübsch und rein sie in dem weißen prächtigen Kleid wirkte. Ich lächelte in mich hinein. Der Blumenstrauß in ihrer kleinen Hand zitterte leicht und der Bräutigam führte sie stolz am Arm den Kirchengang entlang. Der Altar war mit üppigen Rosenbouquets geschmückt. Die anwesende Menge raunte leise, als die beiden an ihnen vorbei schritten. Mittendrin vernahm ich das Rascheln von festlicher Kleidung, gerührtes Seufzen und das Schnäuzen von Nasen.

Nur ich, wusste mehr als alle anderen, kannte die unglaublichen Geheimnisse. Die Braut war ein verdorbenes Luder. Noch in der Nacht vor ihrer Trauung hatte sie bei einem anderen Mann gelegen. Sie war eines dieser seelenlosen Weibsbilder, denen Luzifer nach ihrer Geburt auf den Bauch geküsst hatte. Der Schoß einzig und alleine dafür erschaffen, um sich an fleischlicher Lust zu erfreuen. Ihr Leib würde nie etwas Gutes gebären. Ich war hier um Schlimmeres zu verhindern.

Eine wirklich schöne Inszenierung, dachte ich. Die Rede vom Pastor war nicht einfallslos. Doch nun hatte ich endlich meinen Auftritt. Laut Plan sollte jetzt erst ein Lied erfolgen, anschließend würde der Pastor das Ehegelübde abnehmen. Der Bräutigam öffnete das Gesangsbuch: Lied 238 „Herr, vor dein Antlitz treten zwei“. Ich sah die Textstellen vor meinem geistigen Auge auftauchen. Genau in diesem Moment schickte Petrus einen Sonnenstrahl durch das bunte Kirchenfenster. Meinen Dank an ihn, schickte ich gedanklich gen Himmel. Das war wirklich perfektes Timing.

Als die Musik einsetzte hörte man vom Brautpaar keine lieblichen Gesangstöne. Lediglich ein lautstarker Wortwechsel, hallte durch das Kirchenschiff. Das Buch fiel mit einem Platsch auf den Boden, woraufhin die Orgel nun endgültig verstummte. Das Foto hielt der Bräutigam immer noch entsetzt in der Hand. Die Gäste blickten sichtlich verwirrt. Langsam erhob ich mich, um die Kirche zu verlassen, denn ich hatte meine Aufgabe erfüllt. Das Bild, das ich zwischen die Seiten des Buches gelegt hatte, war wirklich brillant und von einer Schärfe, dass es Seinesgleichen lange suchen müsste. Ein würdiges Erinnerungsfoto an einen unvergesslichen Augenblick.

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