Die Pause

Andreas war mit dem Motorrad unterwegs, als ihm der Mercedes die Vorfahrt nahm und er in dessen Frontscheibe landete. Gott war nicht da, als er hart auf der Straße aufschlug und sein Rückgrat brach. Jedenfalls war das seine tiefe Überzeugung. Manchmal fragte er sich, ob Gott gerade Pause gemacht hatte und es ihm jetzt zu peinlich war, den Fehler zu korrigieren. Irgendwann müsste er auf hören sich den Kopf darüber zu zerbrechen, aber noch war es zu früh dafür. Dieser eine Ausflug hatte ihm alles genommen und er war so verzweifelt, dass er nicht einmal mehr dazu in der Lage war über sein Dasein selbst zu bestimmen. Die Endscheidungsfreiheit zu verlieren, war etwas, dass er am schwersten ertrug. Sich tot zu fühlen und nicht sterben zu dürfen, war das unerträglichste an dieser Situation. Die Ethik hielt ihn am Leben. Die Gruselfilme, die er sich damals angeschaut hatte, konnte er nur noch belächeln, denn nichts konnte mit diesem immer währenden Grauen mithalten. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als einer der lebendig Begrabenen zu sein, denn ihr Sterben erledigt sich innerhalb von ein zwei Stunden. – Ein zwei Stunden, was würde er dafür geben. Die Ironie an der Geschichte war, dass sich sein jetziges Leben in seinen Träumen abspielte. Dort ging er auf Entdeckungsreisen, lebte ein wildes Leben, überquerte reißende Flussläufe und kletterte auf die höchsten Berge. Er hatte unbeschreiblichen Sex mit den schönsten Frauen, und aß mit ihnen in den teuersten Restaurants. Das war das wahre Leben –  der Alltag nur ein bitterer Albtraum aus dem es kein Ausweg gab.

Am Anfang hatte man ihn noch häufig besucht. Doch keiner konnte es länger ertragen, wenn ein geliebter Freund zu einer lebenden Leiche mutierte. Seit er im Pflegeheim untergebracht war, kam nur noch seine Mutter einmal in der Woche vorbei. Sie gab sich große Mühe, aber am liebsten wäre es ihm, wenn sie nicht mehr käme. Er konnte es nicht mehr ertragen, sie so leiden zu sehen. An seinem Schicksal hatte er genug zu knabbern. Bei jedem Besuch fleht er sie an, sie möge seinem Leiden ein Ende setzen. Wenn sie es an seinen Augen ablesen könnte, dann ignorierte sie es geschickt. Er würde es immer weiter versuchen, so lange bis sie Gnade vor Recht ergehen ließ.

Seitdem war viel Zeit vergangen. Schon lange hatte er die Hoffnung auf Erlösung begraben und sich mit seinem Schicksal abgefunden.

Es war ein sonniger Tag, der erste, der ein zartes Grün auf den Baum vor seinem Fenster zauberte. Ein vorwitziger Vogel hatte sich auf dem Simms niedergelassen und sah zu ihm hinüber, gerade so als wollte er ihm etwas mitteilen. Als er endlich das Licht am Ende des Tunnels sah, wusste er, dass seine lange Reise ein Ende hatte. Auf der anderen Seite, nahm Gott ihn in die Arme und Andreas verzieh ihm seine Pause.

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